Energiepass Bitte vorlegen

EnergieausweisDie neue Energieeinsparverordnung soll den Energieausweis aufwerten. Annoncen müssen bald Verbrauchsangaben enthalten. Vermietung und Verkauf von Wohnungen könnten komplizierter werden. Immobilienbesitzer müssen die Energiekennwerte aus dem Energieausweis nämlich voraussichtlich noch in diesem Jahr bereits in Wohnungsanzeigen angeben. Bisher musste der Ausweis potentiellen Mietern oder Käufern erst bei der Besichtigung von Objekten vorgelegt werden.

Die Neuerung ist der von der Bundesregierung am 6. Februar verabschiedeten Energieeinsparverordnung (EnEV) eingeschrieben. Sie liegt dem Bundesrat am 22. März zur Zustimmung vor. Laut dem Papier ist die Energieangabe nicht – wie bisher – auf die Gebäudenutzfläche zu beziehen, sondern auf die Wohnfläche.

Die Werte in den bisherigen Ausweisen müssen damit neu berechnet werden – dafür ist der Vermieter oder Verkäufer verantwortlich. Das ifs-Städtebauinstitut kritisiert die Umrechnung als zu kompliziert und unnötig. „Sie führt zu mehr Verwirrungen, als dass sie nützt“, sagte ifs-Direktor Peter Runkel dem Tagesspiegel.

Hinzu kommt, dass bei den Verbrauchsausweisen, die also nach dem tatsächlichen Energieverbrauch erstellt werden, der Wasserverbrauch fehlt. Der muss in die Rechnung ebenfalls eingestellt werden. Neben dem Verbrauchsausweis gibt es den Bedarfsausweis, der den Bedarf des Gebäudes berechnet, ohne den genauen Verbrauch zu erfassen. Um welches der beiden Papiere es sich handelt, ist ebenfalls in der Anzeige anzugeben.

Von den Angaben auf dem Energieausweis kann allerdings nicht auf die tatsächlich entstehenden Energiekosten geschlossen werden, so Runkel. „Der Wert dient für einen groben Anhalt“, sagt der ifs-Direktor. „Sie können anhand der Zahl erkennen, ob die Immobilie energetisch gut oder schlecht saniert ist.“ Jeder Mieter oder Käufer hat schon seit der EnEV 2007 einen Anspruch auf eine Kopie des Papiers. Durchgesetzt haben sich Energie- und Verbrauchsausweise aber bisher nicht. 2011 hatten laut einer Studie des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung 69 Prozent der Suchenden zwar schon einmal von dem Ausweis gehört, allerdings haben nur 16 Prozent das Papier schon bei einer Besichtigung zu Gesicht bekommen. Die Käufer und Mieter mussten meistens erst aktiv danach fragen. Das haben laut Studie aber nur 13 Prozent getan.

Die EnEV-Version von Anfang Februar soll den Energieausweis aufwerten. Danach werden dann nicht nur die Angaben in Annoncen verpflichtend, sondern auch die Übergabe des Passes an den Käufer oder Mieter. Die bestehende Pflicht zum Aushang wurde erweitert. Verstöße gegen eine dieser Regelungen können künftig mit einem Bußgeld geahndet werden. Zu Kontrollzwecken werden unabhängige Stichproben geplant. Der Tatbestand der Ordnungswidrigkeit soll aber erst nach einer Übergangszeit von einem Jahr in Kraft treten können.

Ifs-Direktor Runkel hält die EnEV-Neuerungen für richtig. Mietern und Käufern werde so die Wohnungssuche erleichtert. Aber die Umrechnung von Gebäudenutzfläche auf Wohnfläche würde Runkel am liebsten streichen: „Der Energiekennwert wie er jetzt steht, ist als Infowert völlig ausreichend“, sagt er. Es gehe doch nur um eine Orientierung. Auch, wenn die Verordnung noch durch den Bundesrat muss – Vermieter und Verkäufer sollten sich schon jetzt darauf einstellen, rät der Direktor. Sie sollten bei der Hausverwaltung anfragen, ob es einen solchen Ausweis schon gibt – was nicht immer der Fall sei – und ansonsten einen neuen beantragen: „Sonst wird man nur überrascht.“

Die novellierte EnEV hätte schon im Januar in Kraft treten sollen. Dazu hatte die EU-Richtlinie der Gesamtenergieeffizienz von 2010 die Mitgliedsstaaten verpflichtet.

Von Valerie Schönian

Hausbau von morgen

EnergieeffizienzEnergiewende, Abschaltung der Atomkraftwerke und überhöhte Spritpreise sind in aller Munde. Energie wird knapp, sparen ist die Devise. Das Projekt „Effizienzhaus Plus“ macht vor, wie das im Hausbau von morgen klappen könnte.

 

Die Energiewende – eine Wortneuschöpfung, die aus unserem Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken ist. Energiegewinnung wird neu erfunden. Und so soll die erneuerbare Energie jetzt auch in städtische Haushalte einziehen. Wie das aussehen könnte, zeigt das „Effizienzhaus Plus“ in Berlin – ein Einfamilienhaus, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht.

Mit dem Modellprojekt soll vor allem getestet werden, wie benutzerfreundlich ein solches Effizienzhaus schon ist und was noch verbessert werden kann. Alle Einstellungen der Haustechnik – wie die Heizung und wann das Elektroauto geladen werden soll – können per Smartphone gesteuert werden. Desweiteren gibt es im Erdgeschoss beispielsweise keine Lichtschalter: die LED-Leuchten gehen nur an, wenn sich jemand im Raum bewegt.

Wie praktikabel das ist, wenn man am Schreibtisch sitzt, testet in den kommenden 15 Monaten Jörg Welke mit seiner Familie aus. Sie sind jetzt zum Test-Wohnen in das „Effizienzhaus Plus“ eingezogen. Danach wird das Haus wieder abgebaut und vollständig recycelt.

 

Es ist ein ambitioniertes Projekt: 16.000 KWh an Energie soll das „Effizienzhaus Plus“ pro Jahr erzeugen. Davon sollen die elektrischen Geräte im Haus betrieben werden, zwei Elektroautos geladen werden können und nach Möglichkeit auch noch Energie zurück ins städtische Stromnetz eingespeist werden. Denn der geschätzte Energiebedarf des Hauses selbst liegt nur bei 10.000 KWh pro Jahr. Mit dem „Effizienzhaus Plus“ testet das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) auf rund 130 Quadratmetern Wohnfläche verschiedene Technologien auf dem Gebiet der Energiegewinnung auf ihre Alltagstauglichkeit.

Früher ging es darum, effizient mit Energie umzugehen, also ein Gebäude gut zu dämmen. Das können wir. Effiziente Heizungsanlagen einbauen, das können wir. Aber jetzt geht es darum, erneuerbare Energien, die man gewinnt, die wertvoll sind, auch für sich nutzbar zu machen im Haus und sie nicht einfach nur ins Netz abzugeben.

Hans-Dieter Hegner leitet das Referat für Bauingenieurwesen, Nachhaltiges Bauen und Bauforschung am BMVBS. Er betreut das Projekt und die daran geknüpften Forschungsvorhaben. Der Energiebedarf des Hauses soll vorwiegend durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Das geschieht zum Beispiel durch eine Solaranlage auf dem Dach und der nach Süden gerichteten Hausfassade, die aus Sonnenlicht Strom erzeugt.

Damit die Möglichkeiten des Hauses auch tatsächlich unter realen Bedingungen getestet werden können, ist Anfang März 2012 die Familie Welke-Wiechers im Berliner Effizienzhaus Plus eingezogen. Mit ihren beiden Kindern, Freyja und Lenz, werden Jörg Welke und Simone Wiechers für 15 Monate hier wohnen. Neben den technischen Messungen, die im Rahmen des Projekts durchgeführt werden, sollen die Erfahrungen der Familie dabei helfen, die Benutzerfreundlichkeit der Technologien besser einzuschätzen. Genau das macht für Jörg Welke den Reiz an diesem Alltagstest aus:

Dadurch können wir natürlich auch ein bisschen transportieren, dass das, was wir machen, nicht weh tut – ohne dass wir jetzt ständig moralisch darauf hinweisen müssen, wie wichtig das ist, dass man Energie spart. Wir können einfach dadurch, dass wir das zeigen, dass wir auch eine Öffentlichkeit haben jetzt so ein bisschen, sagen guckt mal, man kann ganz normal wohnen in einem schönen tollen Haus, das tut nicht weh, ist nicht irgendwie muffig und trotzdem ist es energiebewusst.

Begleitet das Projekt von verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen. Rund um das Energiemanagement im Haus gibt es viele Fragen, auf die der Praxistest Antworten bringen soll, erklärt Hans-Dieter Hegner.

Wir möchten wissen, wie funktionieren diese Komponenten unter Dauerstandsverhalten, wie funktioniert das mit der Einspeisung solarer Energie, mit der Pufferung, mit dem Energiemanagement usw. Zweitens, wir wollen testen wie kommen die Menschen damit zurecht – die Schnittstelle Technik-Mensch, ist die zu bewältigen, ist man überfordert von den Systemen, fühlt man sich eingeschränkt durch die Systeme… Drittens wollen wir die Effizienz auch bestimmen und nicht nur berechnen.

Rein definitorisch ist ein energieeffizientes Haus zunächst einmal eines, das wenig Energie verliert. Deshalb sind unter anderem die Wände und die Dachkonstruktion im „Effizienzhaus Plus“ in Holztafelbauweise hergestellt und durch eine 36 Zentimeter dicke Zellulose-Schicht im Inneren hoch wärmegedämmt. Alle Glasflächen am Haus bestehen aus einer hochmodernen Dreifach-Isolierverglasung. Und auch die Architektur des Hauses unterstützt den Energiespar-Gedanken: es hat eine sehr kompakte Quader-Form, um Wärmeverluste so gering wie möglich zu halten. Wärme, die ins Haus einströmt oder im Haus erzeugt wird, bleibt also grundsätzlich auch erst einmal drinnen – eine Erfahrung, die für Simone Wiechers zu den Pluspunkten des Hauses zählt.

Wenn die Heizung hier ausfallen würde, dann würden wir das nicht schnell merken. Es würde uns vielleicht nach zwei, drei Tagen auffallen, dass es vielleicht kühler wird, wenn wir nicht die Fenster aufreißen. Aber selbst das bräuchten wir nicht in diesem Haus. Das Haus ist so angelegt, dass alle zwei Stunden komplett die Luft ausgetauscht wird und die eintretende kalte Luft an der austretenden warmen Luft vorbeigeführt wird und dabei erwärmt wird.

Ein weiterer wichtiger Faktor für den Wohnkomfort der Familie ist das Lichtkonzept. Die Ost- und Westseite des Hauses bestehen fast nur aus Glasflächen, damit viel Tageslicht in die Innenräume fällt. Alle künstlichen Lichtquellen im Haus bestehen aus energieeffizienten LED-Leuchten. Über Bewegungsmelder geht das Licht automatisch an, wenn ein Raum betreten wird – und auch wieder aus, wenn niemand mehr im Zimmer ist. Darüber hinaus kann das Licht über Touch-Panels im Flur an- und ausgeschaltet werden – auch per Zeitsteuerung. Lichtschalter gibt es nur im oberen Stockwerk, wo die Schlaf- und Kinderzimmer sind – schließlich sollen die Bewohner nicht immer erst bis zum Steuerungsbildschirm laufen müssen, wenn sie nachts das Licht an- oder ausmachen möchten, sagt Hans-Dieter Hegner.

Wir wollen ja, dass die Menschen nicht gegängelt werden von der Technik. Die Frage ist also, wie offen müssen solche Systeme sein, wie sehr muss man eingreifen können. Wir habend er Familie jedenfalls erst einmal alle Möglichkeiten des Eingreifens gegeben – d.h. sie haben die Touch-Panels, Schalter, und das Smartphone, mit denen sie das Haus steuern können. Sie können also zu jeder Zeit den Status ihres Hauses abrufen.

Genau wie das Licht kann auch die übrige Haustechnik über Touch-Panels und Smartphones kontrolliert und gesteuert werden. Das gesamte Energiemanagementsystem des Hauses ist aber nicht nur eine High-Tech-Spielerei, auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag. Das System hilft den beteiligten Wissenschaftlern, wertvolle Daten zu sammeln – zum Beispiel über die Energieflüsse, aber auch die Luftbewegungen, Temperatur und Feuchtigkeitsverteilung im Haus.

Das Modellprojekt in Berlin ist auf Zeit angelegt – nach zwei bis drei Jahren Testlauf wird das Haus wieder abgebaut. Und auch hier wurde mit intelligenter Technologie geplant: alle Bestandteile des Gebäudes können recycelt werden. Denn nicht nur die Energiebilanz des „Effizienzhauses Plus“ soll positiv sein – seine gesamte Ökobilanz soll stimmen.

von Moritz Peiker